Texte

Millionär werden 

(Kolumne „20Minuten“, 2001)

„Ich bin gerade Millionär geworden. Und Sie können das auch!“

So brüllt es aus der Fernsehwerbung.

Vor ein paar Jahren hiess es noch wesentlich bescheidener: „Ich habe gerade zehn Kilo abgenommen. Und Sie können das auch!“

In so kurzer Zeit wachsen die Ansprüche.

Also gut, ich will Millionär werden. Aber bei Lotto und Toto habe ich grundsätzlich kein Glück und Börsenspekulation ist selbstverständlich gänzlich unmoralisch.

Bleibt mir nur eine dieser Frageshows um Millionen. Sässe ich als Kandidat in so einer, bekäme ich ganz sicher ein frühe ganz blöde Frage – etwa wie viele Regierungsräte Baselstadt hat – und wäre rausgeflogen, bevor ich mein profundes Wissen über den Tyrannenmord, Psychedelic Rock und zwischenmenschlichen Vulkanismus ausbreiten könnte.

So bleibt mir, um Millionär zu werden, nur der gute, alte Banküberfall. In der Kantonalbankfiliale an der Klybeckstrasse ist ein etwas angemoderter Herr vor mir an der Reihe. Er erzählt dem Mann am Schalter eine so ergreifende Geschichte über eine Geldanweisung an ihn, die seit Tagen hundertprozentig unterwegs ist, dass mir das Wasser in die Augen schiesst. Tränenblind stolpere ich aus der Filiale , schwinge mich auf mein Fluchtfahrrad und sause in die beginnende Dämmerung.

Dreizehn Ecken weiter werde ich von der Verkehrspolizei gestellt: Ob ich wisse, was an meinem Velo nicht in Ordnung sei?

Ha, ist das die Hunderttausendfranken-Quizfrage? Nein, es ist die 40 Franken-Frage. So viel kostet ein Velo ohne Licht in einer gut beleuchteten Strasse.

 

ERST DIE MORAL, DANN DAS FRESSEN

Wolfgang Bortlik

Ich stehe an der Kasse eines Einkaufsparadieses und lade ein paar bescheidene Lebensmittel auf das Rollband. Ein bisschen Fleisch, ein bisschen Fisch, alles ziemlich biologisch und von Hand gewürgt. Dazu ein paar rotgeküsste Tomaten und blaugehauene Beeren, wenig Schrot und Korn, viel Hopfen und Malz sowie Brot und Spiele. Alle Produkte sind jedenfalls hundertprozentig und problemlos im menschlichen Körper abbaubar. Die Verpackung der Ware ist auf ein Minimum beschränkt, alles kommt von inländischen Produzenten gleich hinter den sieben Bergen, vor allem der Alkohol.

Nach mir ist ein junger Mann an der Reihe, er stellt ein Energiegetränk aufs Band und nagt gleichzeitig an einem Döner Kebab. Offensichtlich ist es ein „Döner mit alles“, so wie die weissrote Sauce auf meinen Einkauf hinuntertropft. Die Kassiererin weist den Jüngling ungehalten darauf hin, dass er, beziehungsweise sein Döner, rinnen würden.

Ich will mich auch schon etwas echauffieren, doch da erfasst mich eine eigenartige Zuneigung zu diesem Döner-Mampfer. Auch wenn seine Hosen zu tief sitzen und seine Hingabe an die Umwelt zweifelhaft ist, der junge Mann hat mir etwas voraus. Er haut einfach rein. Er stillt seinen Hunger, ohne sich gross Gedanken zu machen, ohne ideologisches Getöse, ohne moralische Skrupel. Da ist einer ganz Mensch. Ganz Raubtier.

 

Später nasche ich von meinem Einkauf, etwa den sozialdemokratischen Radieschen, aussen rot, innen bleich, und denke noch mal an den Jungbürger mit dem türkischen Fastfood. Was will mir dieses Erlebnis sagen? Idolatrisiere ich den Mampfer? Reagiere ich über beziehungsweise spinne ich? So ein Döner ist doch einfach nur ungesund und diese Energydrinks verkleistern die Gehirnwindungen. Aber grenzt es nicht auch an Libertinage, möglicherweise sogar an Anarchie, wie der Typ sein Schnellgericht gemampft hat.

Das Essen ist in unserer Gesellschaft ja mittlerweile regulierter und tabuisierter als die Sexualität. Die stählernen Klauen und Zwingen des Staates stehen längst bereit. Die Volksgesundheit steht auf dem Spiel. So ein Döner kostet die Krankenkassen im Prinzip Milliarden. Dicke Kinder, die nicht mehr an der frischen Luft spielen mögen und zukünftig als Konsumenten für Trekkingklamotten und Yogamatten verloren gehen. The biggest losers. Und es geht so weiter. Im Spätstadium dahinfaulende Fleischfresser blockieren unsere Spitäler. Die Gesellschaft darbt am falsch Ernährten. Das Fleisch, das Fleisch! Die fleischliche Lust ist an allem Schuld.

Es kommt von staatlicher Seite her zwar Klage und Warnung und für die Prävention werden dabei Unsummen Geldes ausgegeben. Allerdings nutzlos. Deswegen wird bald schon das Verbot der falschen Ernährung kommen. Zum Glück trägt der Döner keine Burka, sonst wäre jetzt schon alles klar geregelt.

Wir dürfen jedenfalls gespannt sein, welche politischen Kräfte in der Schweiz eines Tages die Einführung einer Staatlichen Ernährungspolizei durchsetzen.

 

So lange es aber noch keine gesetzlichen Zwangsmassnahmen gibt, untersteht die Ernährung der privaten Deutungshoheit, ist sozusagen ein intimes Schlachthaus.

Das Fressen beziehungsweise das Fleischfressen ist ein ideales Thema für jene guten Menschen, die sich so sicher sind, an was der böse Mensch krankt.

In der Zeitung lese ich den rührenden Leserbrief einer Mutter, die erklärt, wie sie ihre Kinder herumkriegt, kein Fleisch zu essen, worauf sie mit dem tränenreichen Geständnis schliesst: „Doch ich habe einmal, als ich an einem Masttierstall vorbeikam und den jungen Kälbchen dort in die Augen sah, versprochen, dass ich alles tun werde, um künftiges Leiden ihrer Brüder und Schwestern zu vermeiden.“

Soweit dieses Originalzitat! Ich bin nicht ganz sicher, ob die Mutter in ihrer emotionalen Befangenheit die Tiere oder sich selbst mehr liebt als ihre Kinder, aber diesbezüglich kann man nicht argumentieren. Diese Kälbchen sind wahrlich niederschlagende Argumente.

Der ideologische Ansatz bei der weltverbessernden Nichtfleischfresserei ist ungefähr der: Was wir den Tieren antun, fällt auf uns zurück. Es gibt nichts besseres, als Macht, Machtausübung und Folter zu vermeiden, indem man sich auf dem eigenen Teller für Frieden entscheidet, also kein Fleisch isst.

Da fragt sich der bewusste Esser allerdings erstens, was denn eigentlich überhaupt noch auf den Teller kommen darf. Nachdem nun diverseste Biologen vom „geheimen Leben“ der Pflanzen berichtet haben, ist es da nicht auch unmenschlich, den Salat verzweifelt seufzen zu lassen, wenn man ihn aus der Erde dreht und dann schwindlig wäscht, bevor man ihn gnadenlos verzehrt. Okay, Augen hat der Salat keine, höchstens die Kartoffeln haben Augen, aber die sind nicht so, als dass ein Schweizer Mami in ihnen das ganze verfluchte Elend der Welt sehen würde.

Im Ernst: 99,7 Prozent der gesamten Biomasse der Erde sind Pflanzen. Tiere und Menschen sind ein verschwindender Rest. Und diese üppige Grün ist nicht nur wuchernd lebendig, sondern auch intelligent. Denn außer den fünf Sinnen des Menschen besitzen Pflanzen noch mindestens fünfzehn weitere, mit denen sie nicht nur elektromagnetische Felder erspüren und die Schwerkraft berechnen, sondern zahlreiche chemische Stoffe ihrer Umwelt analysieren können. Mit Duftstoffen warnen sie sich vor Fressfeinden oder locken Tiere an, die sie davon befreien; über die Wurzeln bilden sie riesige Netzwerke, in denen Informationen über den Zustand der Umwelt zirkulieren. Ohne Organe können sie so über eine Form von Schwarmintelligenz Strategien entwickeln, die ihr Überleben sichern.

Wenn ich also ins Radieschen schneide, zitiert dieses umgehend Shakespeare: „Stecht ihr uns, bluten wir nicht?“ So ist das, ihr vegetarischen Mörder!

Und was das fehlende Fleisch auf dem Teller betrifft, das Machtausübung verhindern würde, da fällt mir bloss immer der ewigblöde und uralte Hinweis ein, dass Adolf Hitler Vegetarier war. Oder hat er bloss so getan?

Aber ich gestehe, dass auch ich einmal meinen Kindern vorgelogen habe, dass das zarte Pferdesteak auf dem Teller von an Altersschwäche gestorbenen Rössern stammen würde. Der Fleischfresser ist schon ein Untier.

Mir ist es eigentlich völlig egal, was Menschen essen. Jeder soll sich den Magen vollschlagen oder verderben, mit was und aus welchen Gründen auch immer. Mit Döner und Energy Drink, mit Rohkost oder rohem Fisch, mit Salat oder Sonnenlicht, sogar ein gepflegter Kannibalismus erscheint mir durchaus vertretbar. Selbstverständlich sollte man auf eine in jeder Beziehung schonende Produktionsweise der Nahrung schauen. Aber Hauptsache, das Essen macht einen glücklich. Glückliche Menschen sind gut.

 

Noch einmal von vorne: Problematisch wird es erst, wenn Leute beginnen, ihre ureigene Art des Essens, ihr Ernährungsglück und ihre diesbezüglichen Einsichten oder gar Erweckungserlebnisse den Mitmenschen aufzudrängen. Wenn sie auf Mission gehen, weil ihnen möglicherweise das Essen mangels anderer Perspektiven zur Ersatzreligion geworden ist. Früher ging man noch auf die Strasse, um für eine bessere Welt oder den gesellschaftlichen Umsturz zu agitieren. Heute steht man in der perfekt eingerichteten Küche und es reicht offensichtlich schon das richtige Futter, um ein guter Mensch zu sein und gleichzeitig die Welt zu retten. Das ist vielleicht doch ein bisschen zu einfach gestrickt als Erlösungsvision.

Gut, den Zusammenhang von Religion und Essen kann ich als ehemaliger Katholik gut verstehen, das kommt ja aus diesem Urgrund. Man stelle sich vor: Sonntagmorgen, es ist zum Hochamt geläutet worden, frisch gebeichtet und frei von jeder Sünde sitzt man in der harten Kirchenbank. Pompös zelebriert der Pfarrer mit Kelch und Teller: „Das ist mein Leib, nehmet hin und esset.“ Und dann gibt es eine Weizenoblate, die nach nichts schmeckt, und ganz sicher keinen Schluck aus dem Kelch mit dem offensichtlich biologisch kultivierten Messwein. Eucharistie nennt man das, für mich war es die erste kulinarische Enttäuschung meines Lebens.

 

Gut möglich, dass die Fetischisierung eines Grundbedürfnisses wie der Nahrungsaufnahme auch gleich wieder den sogenannten Achtundsechzigern in die Schuhe geschoben wird. Die sind ja sowieso an allem schuld, was sonst so in der Familie, bei der Pädagogik oder im Sex in den letzten 50 Jahren zum Problem geworden ist. Man muss sich diese rebellischen Langhaarigen vielleicht vorstellen, wie sie irgendwann in den 1970ern geschlaucht sind vom ständigen Einsatz für das Proletariat. Ein Proletariat, das nicht erlöst werden will und einfach nur gut durchwachsene Koteletts, Fernsehen und Ferien am Meer verlangt, statt die Betriebe zu übernehmen. Da gönnt man sich als währschafter Linksradikaler zur Erholung vom Klassenkampf schon ab und zu ein Wellness-Wochenende mit fünfgängigen Menüs. Oder, wenn man nicht zur Elite oder zum Zentralkomitee gehört, enteignet man im Supermarkt statt der ewigen Cervelats auch mal ein Mostbröckli.

Doch nach dem ungebremsten Hedonismus kommt als dialektischer Gegenschlag gleich wieder das schlechte linke Gewissen und die reumütigen Achtundsechziger erfinden die richtige Ernährung im falschen Leben. Der Spruch von Bertolt Brecht, dass erst das Fressen und dann die Moral kommt, wird einfach umgedreht. Selbsthass, Askese, Kasteiung und was sonst noch alles den Menschen unglücklich macht, wird plötzlich zur Tugend.

 

 

Das Geschäft

 

Der grösste Versandbuchhändler der Welt bietet sage und schreibe 1.685 vegetarische und vegane Kochbücher zum Kauf an. Die an und für sich harmlose Kürbissuppe hat 743.000 Ergebnisse im grössten Internet-Suchdienst. Im Schweizer Fernsehen kann man Landfrauen beim Kochen und Essen zusehen und merkwürdig sinnlose Figuren wie der Grill-Ueli lungern nicht nur in Kochsendungen herum. Zahllose Köche und überraschend wenige Köchinnen treiben ihr kulinarisches Unwesen auf allen TV-Kanälen und werden begeistert begafft. Dazu gibt es jede Menge Shows und Sendungen, die nur halbbatzig ihr unverschämtes Product Placement kaschieren. Das Geschäft mit der Nahrung rentiert. Und beim Schweizer Radio kann man übrigens den Master of Arts in der Kartoffelstock-Zubereitung machen.

Nichts gegen das Kochen. Es unterscheidet uns vom Tier und bedeutet, glaubt man der Anthropologie, den Beginn der Kultur: „Man kann daher am Grad der Verwandlung vom Rohen zum Gekochten den Zustand der Zivilisation ablesen. Zwischen Kultur und Küche gibt es einen Zusammenhang. Gewissermaßen wächst mit der Höhe der Temperatur in der Küche die Höhe der Kultur. Kultur hat etwas zu tun mit der Temperatur der Nahrungsmittel“, sagt der grosse Anthropologe Claude Lévi-Strauss und weist damit prophetisch auf das Hochtemperaturkochen hin.

Hunger war immer Grund und Antrieb für alle anderen menschlichen Tätigkeiten, aber seitdem ein gewisser Teil der Menschheit satt ist und sogar über zu viele Lebensmittel verfügt, gibt es da ein weites Feld, auf dem allerhand Allotria getrieben werden kann.

Einem mässig erfolgreichen Schriftsteller wie mir ist früher stets empfohlen worden, einen pornografischen Roman zu verfassen, um richtig zu Geld zu kommen. Heute heisst es hingegen, dass man ein Kochbuch schreiben soll, um kommerziellen Erfolg zu haben. Beides lässt sich übrigens kombinieren, das heisst dann Food Porn und ist nicht ganz so schlimm wie es klingt. Bei Food Porn geht es um das Fotografieren und voyeuristische Betrachten von Nahrung. Entweder, um sich an einem genossenen Spitzenmahl auch später noch aufzugeilen oder um ein Wahnsinnsmenü wenigstens anschauen zu können, weil man es selbst wegen der Kalorienfracht nicht essen darf.

Wahrscheinlich ist die ganze Sache bloss so eine Art Selfie-Sucht, die sich auf das Essen bezieht. Food Porn scheint eine logische Entwicklung der menschlichen Selbstdarstellungsmanie im Spätkapitalismus und eher ein Fall für den Kulturpessimisten als für den Psychiater zu sein. Das Kochen an und für sich, so wunderbare Dinge wie Nachtigallenzungenkonfitüre und Limettenschneckenschaum, sind momentan ein bisschen aus der Agenda gefallen. Das schlechte Gewissen herrscht vor. Die vermaledeite Fleischfresserei und so. Die öffentliche Meinung und vor allem der Journalismus richten sich immer nach denen, die am lautesten quäken.

»Wir werden die Vereinfachung so weit wie nur möglich führen, gleichzeitig aber Geschmack und Nährwert der Speisen erhöhen und sie leichter und für den Magen verdaulicher machen. Kurz gesagt: Das Kochen wird, ohne seinen Charakter als eine Kunst einzubüssen, zur Wissenschaft erhoben.« So schreibt der französische Meisterkoch Auguste Escoffier in seinem 1903 erschienenen „Guide Culinaire“ und das sollte eigentlich genug Programm sein. Hergehört, Spitzenrestaurants und –köche, Vereinfachung ist angesagt, also keine Nachtigallenzungen und kein Krabbenzahnfleisch. Auch keinen dekadenten Sexy-Teller, wie in dieser Frankfurter Äppelwoi-Kneipe, den ich während der letztjährigen Buchmesse aus reiner Neugierde bestellte. Gurken und Stangensellerie symbolisierten das phallisch Hochragende und halbe gekochte Eier das Hinterteil oder was auch immer. Zu beschreiben, was die Mayonnaise darstellte, verbietet mir mein Schamgefühl. Eigentlich war dieser Teller original Food Porn. Gerne kann das Kochen als Kunst gelten, aber dann sollte man es auch wirklich als Kunst betreiben, mit anarchistischer Freude und Phantasie, ohne Grenzen und Vorschriften. Denn Kochen nach Kochbuch ist etwa so wie Malen nach Zahlen.

Erschienen in „Dandy Magazine“, Ausgabe 2015. www.dandy-magazine.ch

 

Kopulierende Kulturkaninchen

Kunst und Kultur sind ein integraler und lebendiger Teil unserer Gesellschaft, und so wie sich die Gesellschaft wandelt, verändern sich auch Kunst und Kultur. Das ist eine Binsenweisheit. Im Neoliberalismus ist fertig lustig für Kunst und Kultur. Da gibt es Druck von der Politik. Da werden Konzepte und Eigenfinanzierung gefordert, Kuratierung und Bürokratisierung, Controlling und Effizienz, Führungskompetenz und internationale Standards. Es kann einem angst und bange dabei werden.

Dabei sind Kunst und Kultur doch eigentlich verpflichtet, der Einförmigkeit und der Langeweile des globalen Spektakels so etwas wie Leidenschaft und Phantasie entgegenzusetzen.

Liest man aber die verschiedensten Kulturkonzepte der Schweizer Kantone und Gemeinden, dann wird einem leicht schwindlig. Nicht, weil es phänomenale, kühne Entwürfe wären, sie sind eher das Gegenteil. Überall klingt es gleich, von der gesellschaftlichen Identitätsstiftung durch Kultur hin zu Leuchttürmen und Flaggschiffen bis zur Vermeidung des sogenannten Giesskannenprinzips.

Das ist mit Verlaub völliger Quatsch! Es lebe das Giesskannenprinzip! Es ist genügend Geld da. Es geht nicht an darüber zu richten, was Kunst und Kultur sind. Es geht darum, sie zu ermöglichen. Wo auch immer. Wer auch immer sie macht. Es braucht einen brodelnden Untergrund, der sich nicht klassifizieren, auswerten und verwerten lässt. Nur mit dem Chaos kann die neoliberale Sucht nach Sauberkeit und Sicherheit bekämpft werden. Kunst ist unordentlich, schmutzig, rau und widerspenstig. Kunst ist schön in ihrer Unberechenbarkeit.

Die grössten Kunstverhinderer sind selbstverständlich all diese Jurys in den Städten und Kantonen. Auch so ein kulturpolitischer Wasserkopf wie die Pro Helvetia scheint nichts anderes zu tun zu haben, als in ihren sterilen Büros die Kunst zu definieren. Geht nicht. Kunst definiert sich selbst.

Kunst und Kultur stecken also momentan hoffnungslos in der Klemme. Sie sind ein etwas grünlich schimmerndes Stück Schinken zwischen zwei staubtrockenen Toastscheiben. Die eine Scheibe ist der Druck der Populisten und wildgewordenen Spiessbürger, die sich für jede Rebellion und Aufmüpfigkeit mit einem Sparprogramm an der Kultur rächen wollen. Die andere Scheibe ist die Kulturbürokratie, in der Manager und Kuratoren, Gutmeinende und Absahner sich vermehren wie kopulierende Kaninchen.

Die Kunst muss anarchistisch sein, sich der Kontrolle und der Kuratierung entziehen. Wenn die Kunst nicht für sich selbst spricht, dann kann das auch der Vermittler oder der Verwalter nicht. Selbstverständlich gibt es schlechte Kunst. Na und? Es gibt auch grauenhaft schlechte Bankmanager, die trotzdem ihren Bonus abzwacken. Schlechte Politiker. Schlechte Ärzte.

Doch bedenket: „Der Künstler hat kein Recht, die Zeit seines Hörers unnötig in Anspruch zu nehmen.“ Was Eric Satie sagt, gilt für alle, nicht nur für die Musiker. (Erschienen in „Juli“, Aargauer Kulturzeitschrift, Januar 2015).

 

GESANG EINES LEBENSMÜDEN

Ich schneid mir einen Finger ab

Ich grabe mir ein frühes Grab

Ich mag nicht mehr

Und das schon sehr

Ich springe in den kalten Rhein

Und lass das Leben einfach sein

 

Mein Körper streikt und spuckt und speit

Ich leide viel an meinem Leid

Ich kann nicht mehr

Die Last zu schwer

Ich springe in den tiefen Rhein

Will eine Wasserleiche sein

 

Nach Kembs hin trägt mich dann die Flut

Ich schmeck den Fischen wirklich gut

Ich werd so leicht

Und ausgebleicht

Der letzte Schwumm im schönen Rhein

So soll es sein!

 

 

Wanderschuhe, Konfliktfähigkeit und Metaebene

Gedanken über den Literaturclub von Wolfgang Bortlik

Manche Menschen springen in überdimensionierten Fledermausschlafanzügen von hohen Felsen, andere surfen den Abhang eines Vulkans hinunter oder tauchen um Haie herum. Ich hingegen hole mir meinen Adrenalin-Rausch im Schweizer Fernsehen, beim Literaturclub. Angstlust, Masochismus, die Faszination des Grauens, etwas treibt mich, für diese Sendung spätabends noch den TV-Apparat einzuschalten. Schon kurz nach Beginn des Clubs brodelt das Adrenalin in mir wie nichts Gutes. Ich bin immer wieder überrascht, wie mich diese harmlose, betuliche, bildungsbürgerliche Show auf die Palme bringt.

Ich informiere mich nie im Voraus darüber, welche Bücher vorgestellt werden und welche Expertenschaft salbadert. Aber ich ahne, nein, ich weiss ja, dass zuverlässig eine völlig überschätzte Schmonzette aus einem deutschen Grossverlag oder ein hiesiger Langweiler präsentiert werden. Wie oft wollte ich den Fernsehapparat schon nach zehn Minuten Literaturclub aus dem Fenster werfen, aber mit diesen grossformatigen Bildschirmen von heute geht das nicht mehr so einfach.

Adrenalingesättigt schaue ich zu, wie der Philosoph Safranski an seine selten beendeten Sätze ein apodiktischen „So!“ anhängt. Wie Frau Heidenreich die moralische Instanz gibt und der gestrenge Herr Zweifel immer von der Sprache und nie von Geschichten redet. Ich höre diesem Stimmengewirbel zu und merke, dass auch der vernünftigste Satz in diesem Diskurs plötzlich schief steht, keinen Sinn mehr hat, Wortgeklingel ist. Man macht sich hier wichtig. Arme Bücher, denke ich. Vielleicht sollte man doch wieder Autorinnen und Autoren in die Sendung holen, die ihre Werke wenigstens verteidigen können.

Wie gesagt, ich weiss gar nicht, weshalb ich mich immer so aufrege. Ich liebe Bücher, kann ohne sie nicht leben und müsste doch froh und glücklich sein, wenn sie im Fernsehen überhaupt noch vorkommen. Ein so stilles Medium wie das Buch in einem so bunten und lärmigen Medium wie dem Fernsehen, da muss man kompromissbereit sein. Das muss man aushalten können, leiden, für die Sache, für den Roman, die Geschichte, die philosophische Abhandlung, das Gedicht.

Ein konfliktscheues Volk

Oft habe ich mir vorgestellt, dass man durchaus leidenschaftlicher und weniger abgehoben über Literatur diskutieren könnte. Ich erinnere mich an die Ära Cohn-Bendit im Literaturclub. Der „Rote Dany“, der aus mir unerfindlichen Gründen plötzlich als Leiter der Diskussionsrunde auftauchte und vor allem durch ein grosszügig eingestreutes „äh“ in seinen Voten auffiel. Wahrscheinlich dachten die Verantwortlichen, dass man Cohn-Bendit schon aus dem Deutschen Fernsehen kennt und er also prima jetzt noch ein paar Jährchen in der Schweiz machen kann. So wie das früher mit den deutschen Fussballern war, die am Ende ihrer internationalen Karriere noch ein paar Schweizer Jahre anhängten wie etwa Karl-Heinz Rummenigge.

Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war es eine Sendung mit Cohn-Bendit und Gunhild Kübler als Kritikerin. Diese, ein strammes Hochdeutsch redend, sprach plötzlich von „Kotzprosa“. Hoppla, dachte ich und rieb mir die Hände, jetzt geht es los, jetzt geht es rund. Jetzt gibt es Alarm und Aufstand, da ist jemand, der das auch nicht mehr aushält, da riskiert jemand den Konflikt, jetzt gibt es Aufstand und Revolte.

Aber Frau Kübler, die immer leicht schnarrend sprach, meinte eigentlich „Kurzprosa“, nämlich die von Klaus Merz, der als Gast im Literaturclub sass. Ich sackte enttäuscht wieder in mich zusammen. Ich hatte vergessen, dass der Schweizer und die Schweizerin an sich Konflikte nicht gern haben, sie mögen es nicht, wenn es laut wird, sie sind schnell beleidigt und Streit halten sie für Energie- und Geldverschwendung. Vielleicht sind deswegen auch so viele Deutsche im Literaturclub, weil die hiesige Intelligentsia zu zahm ist. Aber auch der rote Dany meinte damals nur: „Es ist uns gelungen, über äh, äh Lyrik zu reden.“

Das ist selbstverständlich ein Hammer, aber nach dem grossen aktuellen Knatsch im Literaturclub – wobei, halt, was für ein Knatsch? Nur, weil die Heidenreich das NSDAP-Mitglied Martin Heidegger falsch zitiert hat? Oder weil sie schon vorher die Schriftstellerin Lewitscharoff hart angegriffen hat? Nein, die Schweizerinnen und Schweizer sind einfach nicht konfliktfreudig, auch Stefan Zweifel nicht!

Die Lösung aller Probleme

So geht es aber wirklich nicht weiter und deswegen habe ich mir ein paar Möglichkeiten ausgedacht, wie das Buch im Fernsehen gehalten werden kann und ich weiterhin meine Dosis Adrenalin bekomme.

Der neue Literaturclub sähe beispielsweise so aus: Unter dem Titel „Literatur bi de Lüt“ steigt Nik Hartmann, der Nick Hornby des Wanderschuhs, über Stock und Stein und besucht in Begleitung einer Leseratte namens Jeremias die Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ihren abgelegenen Klausen im Mittelland.

Herrliche Bilder von alten Schreibmaschinen oder weichen Bleistiften, mit denen diese ihre wunderbaren Geschichten hinschreiben. Von Oberkulm über Olten bis Oberdorf wandern Nik und Jeremias und berichten darüber, was für kurlige Leute das sind, die ganze Bücher schreiben. Somit wird auch die Hegemonie des Hochdeutschen gebrochen und die gerade wiedergeborene Schweizer Mundartliteratur kommt endlich zum Zuge. Bis anhin musste diese aussen vor bleiben, da mindestens die Hälfte der am Literaturclub beteiligten Kritikerinnen und Kritiker gar keine Mundart versteht. Ausserdem hat man nun auch einen Grund, den sonst schon omnipräsenten Pedro Lenz in dieser Sendung auftreten zu lassen. Im „Literaturclub ECO“, der ergänzend dazu ausgestrahlt wird, werden die horrenden Summen thematisiert, die ein Schriftsteller mit seinen Büchern verdient. Und das Publikum darf endlich die Frage aller Fragen stellen: „Wie kommen Sie eigentlich auf so tolle Ideen in Ihren Büchern?“

Um beim Bücherlesen nicht mehr zum Lachen in den Keller gehen zu müssen, wird bei „Giacobbo/Müller“ ein Teil des Literaturclubs deponiert. Alle Bücher, die den Anschein haben, der Komik zu frönen, werden hier genauestens besprochen und seziert. Steckt der Witz im Text, im Subtext oder im Metatext?

Hier kann man sich dann auch ein bisschen gehen lassen. Ein Schriftsteller sagt etwa zu einem Kritiker: „Ich polier dir gleich die Fresse!“. Der Kritiker sagt: „Komm nur her, wenn du dich traust!“ Der Moderator bietet den beiden Herren an, ihren Ehrenhändel in der Leutschenbach-Kantine auszutragen und garantiert eine Live-Übertragung. Dabei gerät Kurt Aeschbacher unschuldig zwischen die beiden Fronten.

Ach, Literatur im Fernsehen könnte so äh, äh toll sein!