Rezensionen

REZENSIONEN zu „Uferschnee“

 

Koks aus der IKEA-Tasche

Der zur Zeit in Riehen lebende deutsche Autor Wolfgang Bortlik greift in seinem vierten Kriminalroman „Uferschnee“ mit Kommissar Gsöllpointer und dem Amateurdetektiv Fischer ein abgründiges Thema in der Schweiz auf. Geld, Prestige und Macht prallen in „Uferschnee“ aufeinander. Neben dem Todesfall stehen die Familien- und Freundschaftsbande der beiden Ermittler im Mittelpunkt. Und nicht nur Basel wird ausgiebig erkundet, sondern auch die Vergangenheit von Melchior Fischer, der aufgrund von Wolfgang Bortliks Biographie sein Alter Ego sein könnte. Mit Punk- und Rock’n’ Roll- Zitaten verortet Bortlik das Gemüt seiner Ermittler in den wilden 70ern, gespickt mit Kulturbetriebskritik. Aus dem umgangssprachlich formulierten Kriminalroman stechen die detailreich beschriebenen, aber doch stereotypen Figuren heraus. Mit trockenen Humor lösen die beiden gemütlichen Ermittler den Fall, ohne die Droge Koks zu verurteilen, und zeigen dabei die Machenschaften der Gesellschaft auf. Ein solider Krimi, der sich gut als Reiselektüre eignet, vor allem wenn man nicht nur Spannung, sondern auch Unterhaltung sucht.

Alexandra Riffel, Badische Zeitung, 1.3.2019

 

Launige Polit-Satire im Krimi-Mantel

Bortliks Blick auf Basel, den er seinem betulichen, aber geistreichen Antihelden Fischer auferlegt, ist der eines bissigen, aber nicht bösartigen Ironikers. Die Sprache ist leichtfüssig und durchsetzt mit einem originellen, aber – mit wenigen Ausnahmen – nicht aufdringlichen Humor. Und sie zeugt von der Begabung für wunderbare Sprachbilder in der Art von: „Draussen stand eine graue Hernstnacht und lachte ihn aus.“

Von einer hintersinnigen Beobachtungsgabe zeugt es, wenn er Vertretern des Grossbürgertums äusserlich „eine Form der Mutschköpfigkeit“ nachsagt. Und auch aktuelle Bezüge zur Basler Politik finden sich zuhauf in den 250 Seiten. So kämpft die Basler Polizei mit einem schlechten Ruf, den sie sich durch eine Dienstwagenaffäre und Fälle von Racial Profiling eingehandelt hat. Und vom skrupellosen Kokainhändler ist es bei Bortlik ein kurzer Weg zum Immobilienhai, der kurz vor Inkrafttreten schärferer Mieterschutzbestimmungen noch ein paar dreckige Geschäfte erledigen will.

Als persönlich gefärbtes und aktuelles Heimatbuch ist „Uferschnee“ indes eine lohnenswerte Lektüre.

Dominik Spirgi, BZ Basel, 14.3.2019

 

Geistreicher Basler Discountdetektiv

Der kriminelle Fall ist hier aber gar nicht so wichtig. Er dient Bortlik vor allem dazu, Beobachtungen und Assoziationen zu den Zuständen in der Region loszuwerden. Und sich mit trockenem Humor seinen Leidenschaften zu widmen – etwa für frühe Punk-Bands, den Literaturbetrieb und für Fussball. Dies lässt man sich gerne gefallen, weil Bortlik das so geistreich wie sprachmächtig tut. Niemand sonst liefert Stabreime wie „krachmachende, knackmahlende, kackteure Kaffeemaschine“. Oder analysiert das helvetische TV-Programm so punktgenau: „Der Staatssender strahlte nach wie vor einen hölzernen Mix aus Auftritten der hiesigen Streichwurstprominenz, heimatfester Unterhaltung, sensitiven Streichelsendungen und gleichgeschalteter Politinformation aus. Und ab und zu ein Fussballspiel. Zum Glück!“

„Uferschnee“ mag nicht der nervenzerfetzende spannende Krimi sein, doch mit witzigen Reflexionen und klugen Bemerkungen bietet er weit mehr als nur Lokalkolorit und Lustiges.

Hanspeter Eggenberger, Tages-Anzeiger, 7.3. 2019

 

„Blutrhein“

Mord in Basel

Die begehbare Plastik „Intervention“ von Richard Serra liefert nicht nur Klangerlebnisse, sondern dient auch als Pissoir. Just hier wird der Regierungsrat Burckhardt von hinten mit einem spitzen Gegenstand erstochen, als er jemanden vom Wasserlösen abhalten will. Vom Täter fehlt jede Spur. Verschiedene Motive kommen infrage.

Bortlik schreibt assoziativ, unbekümmert, mit leichter Hand. Ein atemberaubender Thriller ist „Blutrhein“ nicht, dafür mäandert der launige Text zu sehr. Ein höchst unterhaltsames Buch, in dem kein Stichwort zu Basel fehlt, ist dem Autor aber allemal gelungen.

(Manfred Papst, NZZ am Sonntag, 21. Mai 2017)

 

Der tote Regierungsrat in der Serra-Plastik

In Wolfgang Bortliks jüngstem Krimi „Blutrhein“, erschienen Anfang April, tritt ebenderselbe Melchior Fischer wieder auf, aber was heisst schon auftreten: Melchior bevorzugt die rückenschonende Horizontale, wobei er keine Nummer mit seiner Maria (SP) schiebt, sondern einen Hass auf Theater und Kunstschickeria.

In der Serra-Plastik am Theater riecht es stark nach Urin und , schlimmer, nach Arbeit für Melchior. In der Rostskulptur wurde Regierungsrat Burkhard erstochen und weil der zuständige Kommissär es nicht rafft,  muss ihm Melchior als Halsermittler unter die Arme greifen.

Abgründe tun sich auf.

(Christine Richard, Basler Zeitung, 16. 5. 2017 & BaZ kompakt , 8.6.2017)

 

 

Ein ermordeter Regierungsrat und der faule Hobbydetektiv

… Gsöllpointner, Kripo-Kommissar bei der Basler Polizei und Fussballkollege von Fischer, wirkt an vielen Stellen hoffnungslos überfordert, und trotz Überstunden und aufgebrauchten Nerven scheint er nichts zur Lösung des Falls beitragen zu können. Er tat mir teilweise ziemlich Leid. Der Riehener Autor Wolfgang Bortlik hat somit authentische, wenngleich sehr aussergewöhnliche Protagonisten erschaffen. Besonders gefallen hat mir der letzte Abschnitt: Viel Spannung, keine Abschwei- fungen und neue Motive haben die Handlung gut abgeschlossen. So soll ein Krimi sein! Der Handlungsort trug ebenfalls dazu bei, dass mich das Buch oftmals unterhalten konnte. Ich konnte dadurch die Handlung noch besser nachvollziehen, da ich selbst schon an den Mordplätzen stand. Wie oft lese ich ein Buch, welches in Basel spielt?

Trotzdem hat mich «Blutrhein» nicht vollständig überzeugen können. Der Einstieg fiel mir nicht leicht, und es dauerte zu lange, bis Spannung aufkam. Die Abschweifungen störten mich persönlich, sie nahmen mir den Spass an gewissen Stellen. Es fehlte eine ständig anhaltende Spannung und verschiedene Verdächtige. Ich mag es, wenn ich mir bei einem Krimi Gedanken machen, verschiedene Verdächtige und Motive abwägen kann und am Ende überrascht werde. Letzteres wurde ich allerdings. Die Haupthandlung, besonders die Auflösung, gefiel mir gut. Ich hätte nicht damit gerechnet und wurde auf den letzten Seiten regelrecht gefesselt. Von mir eine Empfehlung an alle Krimi-Liebhaber und solche, die gerne ein Buch in bekannten Kulissen lesen möchten. Neueinsteigern ins Krimigenre rate ich jedoch ab, «Blutrhein» zu lesen.

von Josua Jourdan in der bz basel, 25.4.2017 (Auszug)

Der 14-jährige Sekundarschüler aus Muttenz betreibt als passionierter Leser und Rezensent unter josiajourdan.ch/wordpress den stark beachteten Blog «I love books». Für die bz bespricht er regelmässig ausgewählte Neuerscheinungen.

 

bz basel, 31.3. 2017

Mord in der Serra-Plastik

… Wenn der verstorbene Regierungsrat «nichts anbrennen liess», so lässt Wolfgang Bortlik thematisch nichts aus, was mit Basel zu tun. Es folgt die Parkplatzfrage, die alte Stadtgärtnerei, der Rocheturm und, selbstverständlich, der Fussballclub. Eine heisse Fährte führt Fischer in die Vergangenheit des Ermordeten, als dieser noch in einer Wohngemeinschaft am St. Johannstor gewohnt hatte. Gsöllpointer verdächtigt unterdessen den Literaten Mendota, den Fischer aus der Literaturszene kennt und wir aus Wolfgang Bortliks letztem Roman.

Dank Fischers neuer Freundin Maria, die ausgerechnet zu den von ihm kritisierten Sozialdemokraten gehört, geht es ihm in dieser Folge besser als in der letzten. Er muss sich weniger seinem eigenen Elend zuwenden und kann mehr über Dinge wie die lokale Politik oder das Theater herziehen. Fischers Exkurse sind so geistreich, dass man ihm gerne zuhört, selbst wenn das Grundeinkommen zum x-ten Male debattiert wird. Er wäre dafür.

Bortlik beherrscht seine Hauptfigur. Der Antiheld bereitet Vergnügen. Man schaut sich, wenn man in einer der von ihm als «angesagt» bezeichneten Kneipe sitzt, hoff- nungsfroh um, ob Fischer vielleicht mit einem anstossen möchte. Auf seine Vorliebe fürs Liegen zum Beispiel, auf seine scharfe Position zur Papptelleraffäre, auf seine Liebe zur Stadt Basel, die er, all seiner Kritik zum Trotz, nur schlecht verbergen kann.

Von Iris Meier (Auszug)

NZZ am Sonntag, Buchbeilage, 28. Juni 2015, Manfred Papst:

Auf Wolfgang Bortlik ist Verlass. Der 1952 geborene Münchner Hüne, der seit 50 Jahren in der Schweiz lebt, schreibt nicht nur seit deren Anbeginn das wöchentliche „Sportgedicht“ in der „NZZ am Sonntag“; er hat sich auch als Rezensent sowie als Buchautor einen Namen gemacht. Eine besondere Neigung hat der Vater dreier erwachsener Kinder und gefürchteter Hobbyfussballer für das Genre des Krimis. Deshalb hat er den Detektiv Melchior Fischer erfunden, einen sympathischen Unglücksraben. In dessen zweitem Fall bekommt es dieser Mann mit einer sehr persönlichen Geschichte zu tun: Sein Bruder war in der Anti-AKW-Szene aktiv. Bei einem Unfall ist er ums Leben gekommen. War es bloss ein Unfall? Ging da alles mit rechten Dingen zu? Bortlik versteht sein Handwerk. Geschickt vermischt er seine spannende Erzählung mit Stimmen von Zeugen. Und stets geht es auch um Liebe.

 

Basellandschaftliche Zeitung, 10. Feburar 2015, Susanna Petrin:

Die bewegte Politik seiner Jugend lässt Wolfgang Bortlik keine Ruhe. Im 2014 erschienenen Roman «Arme Ritter» be- schreibt der mittlerweile eingebaslerte (genauer: eingeriehenerte) Autor vier anarchistische Revolutionäre, die eine Bank überfallen, um mit der Beute die Welt gemäss ihren Idealen zu verbessern. Vieles geht schief. 30 Jahre später, die Helden haben ihre alten Ideale längst der Bequemlichkeit oder der Macht geopfert, holt sie die Vergangenheit wieder ein.

Bortlik hätte bereits jenen Roman «Spätfolgen» nennen können. Sein neuer, eben erschienener Kriminalroman, heisst nun so. Die explodierten Reaktoren in Fukushima wirbeln im Leben Melchior Fischers – Bortliks Held und Detektiv wider Willen – Staub auf. Alte Geschichten bekommen neue Aktualität. Für einen Katalog des Kunsthauses Aarau soll Fischer einen Essay über die Schweizer Anti-AKW- Bewegung der 70er-Jahre schreiben, der er sich damals angeschlossen hat. Bei seinen Recherchen erfährt er mehr über den jung verstorbenen Bruder, als ihm lieb sein kann. Und die Leser erfahren die Protestbewegung aus der Sicht eines Autors, der damals selbst dabei war.

Antiheld in der Krise

Wir lernen Melchior Fischer am tiefsten Punkt einer Lebenstalsohle kennen. Der Schriftsteller publiziert «höchstens noch in Wartezimmerzeitschriften», wo er «schlecht bezahlte Kolumnen über Themen wie Schamhaarrasur und Solarium- sucht» schreibt. Seine Scheidung hat er noch nicht ganz verdaut. Sowieso isst er gerade höchstens ein Süppchen, denn er hat sich von der Exfrau zu einer Fastenkur überreden lassen. Alles und alle haben sich gegen ihn verschworen: Die Natur, die organisierte Kriminalität, die Frauen. Die Frühlingspollen lassen seine Nase laufen, sein Velo ist weg und ausserdem regnet es ohne Unterlass. Fischer ist erfolglos, müde, allein, nass und hungrig. Gerade wenn man glaubt, es könne nicht mehr schlimmer kommen, kommt es noch schlimmer: Fischer muss nach Aarau fahren. Noch tieferes Grau. Noch mehr in die Knochen dringende Feuchtigkeit. «Man sieht sich selbst dabei zu, wie man verschimmelt», denkt er.

Es macht Spass zu lesen, wie sich da ein aus der Form geratener, mittelalter Zausel in den Pfützen des Selbstmitleids suhlt. Gewohnt süffig geschrieben sind zahlreiche weitere Passagen, allen voran Bortliks Beschreibungen der «verzwergten» und «verwalsertern» Basler Literaturszene durch die Augen des Doyens Mendota.

Doch mit der Zeit verlieren die grobschlächtig-karikierenden Beschreibungen dieser und anderer stereotyper Figuren ein wenig ihren Reiz. Mehr Comicfiguren als Menschen aus Fleisch und Blut, fällt es schwer, mit ihnen mitzufühlen. Man verliert langsam die Geduld mit ihnen, wünschte sich weniger Deskription, mehr Handlung. Schliesslich nennt sich «Spätfolgen» einen Krimi.

Dürfte straffer, spannender sein

Dazu kommen einige Nebenschauplätze samt Nebenfiguren, die als spannende Fährten angelegt werden, aber auf wenig interessanten Nebengleisen enden. Da helfen auch die eingeschobenen Ansich-ten aller Charaktere – inklusive des Mooses im Vorgarten– wenig. Die Idee ist zwar gut, doch ihre subjektiven Gedanken sind zu vorhersehbar geraten. Was fehlt, sind überraschende Wendungen.

Diese bot Bortliks zuvor erschienener Roman «Arme Ritter» zu Hauf. Dazu mehr Tempo und eine raffiniertere Verflech- tung der Handlungsstränge. Trotzdem kann man bei «Spätfolgen» nicht von einem Rückschritt des Autors reden, denn im Grunde ist «Arme Ritter» der neuere Roman; das Manuskript für Spätfolgen lag gemäss Bortlik schon viele Jahre in seiner Schublade.

Wer Spass an einem Kriminalroman hat, der in der eigenen Stadt, Basel, spielt, sich für die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung interessiert und eine Sprache schätzt, die in ihrer humorvollen Üppigkeit ganz im Gegensatz zum fastenden Helden steht, der wird sich auch an diesem neuen Bortlik laben.

 

 

■ ARME RITTER: «RASANT, SÜFFIG, UNTERHALTSAM»

«Arme Ritter», in der Schweiz als «Fotzelschnitten» bekannt, heisst Wolfgang Bortliks neuer Roman. Drei Mal, in drei Ländern und drei Zeiten, führen sich Bortliks Helden dieses «perfekte proletarische Mahl» nach überstandenen Abenteuern zu Gemüte, «ein Gericht wie die Revolution, süss und sättigend», schreibt der Autor. «Arme Ritter» sind auch seine Figuren. Voll hehrer Ideale startet seine Viererkommune Mitte der 70er-Jahre ins Erwachsenenleben. Die drei Männer und eine Frau wollen die Welt retten, wenigstens ein bisschen. Dafür geeignet scheint ihnen ein Banküberfall, die Geldbeute wollen sie später in ein revolutionäres Projekt stecken. Doch dann kommt alles anders.

Denn Bortliks Helden stolpern fortwährend über ihre eigene Menschlichkeit. Macht und Wohlstand, oder auch nur die eigene Bequemlichkeit, korrumpieren die einen. Ein anderer, die eigentliche Hauptfigur Michael Ziegler, gehört von Natur aus zum Typus harmloser Verlierer. Und die so erotische wie kühl kalkulierende Gerda kommt trotz vollem Körpereinsatz nicht zum Ziel mit diesen Typen.

Bortlik beschreibt diese Stellvertreter seiner Generation mit einer Mischung aus Spott und Zärtlichkeit. Köstlich ist auch, wie er sie als spätere Mittfünfziger – mit

ihren verstaubten Platten, Büchern und Topfpflanzen – durch die Augen der nächsten Generation betrachtet. Das hat der Autor wahrscheinlich von seinen eigenen Kindern gelernt.

Die Geschichte hat Witz und Zug. Bortlik springt rasant zwischen Zeiten, Orten – Ba- sel ist auch dabei – und mehreren Perspektiven hin und her. Immer wieder wird der Leser von einer neuen Wendung überrascht, ohne je den Faden zu verlieren – bis sich am Ende alle Puzzlesteine zusammenfügen. Auch die einfache, süffige Sprache macht Freude. Wie Fotzelschnitten. (SPE)

Susanna Petrin in „Basellandschaftliche Zeitung“, 15.3.2014

 

38 850 Mark Beute

Seit zwölf Jahren verfasst Wolfgang Bortlik wöchentlich ein Sportgedicht für die „NZZ am Sonntag“. Der gebürtige Münchner, der seit 1965 in der Schweiz lebt, schreibt aber auch Kolumnen, Satiren und Rezensionen. Mit „Arme Ritter“ legt er bereits seinen fünften Roman vor: eine spannende und mitunter sehr lustige Geschichte, die 1974 mit einem Bankraub beginnt und sich über mehrere Jahrzehnte weiterspannt. Vier junge und politisch bewegte Menschen, die in einer Wohngemeinschaft leben, überfallen die Kreissparkasse im oberbayrischen Glonn. Sie erbeuten 38 850 Mark. Die wollen sie in den politischen Kampf investieren. Vorerst muss die heisse Ware aber in einem kühlen Keller versteckt werden. Von dort klaut sie Rademacher, einer der vier, und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Erst im Jahr 2010 kommt es in Paris zu einer Wiederbegegnung der ehemaligen Komplizen.

Wolfgang Bortlik erzählt farbig und mit Sinn fürs sprechende Detail, wie sich die Zeiten, der Zeitgeist und die Menschen seit 1974 verändert haben. Er versteht sich auf schnelle Dialoge und prägnante Schilderungen. Seine Hauptfiguren sind mehr oder weniger liebenswürdige Sonderlinge und verkappte Romantiker; nicht zufällig ist Ziegler, einer der jugendlichen Räuber und später Musikproduzent, ein eifriger Leser Alebert Ehrensteins und namentlich von dessen wunderbarer, 1911 mit Illustrationen von Oskar Kokoschka erschienener Erzählung „Tubutsch“.

(Manfred Papst, NZZ am Sonntag, 23. März 2014)

Fotzelschnitten für Weltverbesserer

In seinem neuen Roman „Arme Ritter“ zeichnet Wolfgang Bortlik erneut ein ironisches Bild seiner Generation, die in den 1970-er Jahren gegen das Establishment rebellierte. Der Autor treibt seine Helden pointenreich durch vier Jahrzehnte Weltverbesserungsgeschichte.
München, 1974: Die WG-Kommunarden Ziegler, Rademacher, Schott und Gerda haben genug von den theoretischen Diskussionen in der linksradikalen Szene. Getreu dem leicht abgewandelten Brecht’schen Motto „Was ist schon ein Banküberfall gegen die Eröffnung einer Bank“ überfallen sie eine Kreissparkasse in der Provinz.
Nach dem Bankraub ist erstmals revolutionäre Geduld gefragt. Rademacher macht Arme Ritter, das perfekte proletarische Mahl: altes Weissbrot in Milch und Ei eingelegt und in Butter gebraten. Das Quartett kommt überein, die erbeuteten 38‘850 Mark im Keller von Rademachers Grossmutter zu verstecken, bis Gras über die Sache gewachsen ist.
Dann ist Rademacher weg, und mit ihm die Beute. Zurück bleiben drei konsternierte WG-Genossen, die sich kaum mehr auf die Strasse getrauen. Schott säuft und schwört Rache. Gerda fängt an zu rauchen und winkt ab, wenn Ziegler sie mit auf Demos nehmen will. Als Gerda ihm auch noch die Liebe aufkündigt, packt Ziegler fluchtartig die Koffer und kehrt in die Schweiz zurück, deren Enge er zuvor entflohen war.

Mysteriöse Todesfälle
Zwölf Jahre später macht Gerda ihn in Zürich ausfindig. Ziegler hat inzwischen ins Musikfach gewechselt – wie das in den Achtzigerjahren „halt so gang und gäbe war“. Als Produzent verdient er sein Geld mit esoterischen Endlosmelodien. Dabei mixt er manchmal satanische Botschaften in das Wohlfühlsgedudel. Doch die versteht keiner in den Wellness-Oasen.
Gerda aber hat die Suche nach dem alten Verräter Rademacher noch nicht aufgegeben. Erst recht nicht, nachdem WG-Kumpan Schott, der mit Behauen von Steinen eine Karriere als Brachial-Künstler machte, bei einem mysteriösen Unfall ums Leben gekommen ist.
So brechen die beiden Verbliebenen auf zur Spurensuche, die ins Tessin führt. Rademacher plus Beute bleiben verschollen. Ziegler hat bald genug und lässt Gerda alleine und wutschnaubend zurück. Sie bleibt hängen und heuert im Grotto „Mai Morire“ an.
Ziegler wiederum tritt in einem Anfall von spätem politischen Idealismus den Grünen bei und macht in den Neunzigerjahren auf parlamentarischem Weg mit bei der Weltverbesserung.

Showdown in Paris
2010: Ziegler lebt inzwischen (wie Autor Bortlik) in Basel und ist bald sechzig. Um seine taufrische Beziehung mit Eva, Lehrerin am Humanistischen Gymnasium, auf die Probe zu stellen, fahren die beiden für ein paar Tage nach Paris.
In der geschichtsträchtigen Hauptstadt vieler Revolten wird es dem alten Anarchisten nochmals warm ums Herz. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, und es klärt sich auch auf, was Rademacher die letzten 35 Jahre eigentlich so getrieben hat.
Dass den alten „Fuzzis“ dann zu guter Letzt noch ein grosser Coup gelingt, wirkt arg aufgesetzt, lässt doch der Autor seine Protagonisten zuvor oft als ziemliche Loser durch das Leben stolpern. Amüsant ist das alleweil, vorausgesetzt, man mag Bortliks launige und mitunter derbe Szenen-Prosa.

(Theodora Peter, Schweizer Feuilletondienst sfd/sda, 25.2.2014)

Arme Ritter sind bei uns Fotzelschnitten. Rademacher bereitet dieses „proletarische Mahl“ seinen WG-Genossen zu, nachdem sie zu viert eine bayrische Bank ausgeraubt haben. Beute: 38 850 D-Mark. Später hau er mit dem Geld ab. Das war 1974. Jahrzehnte später läuft Rademacher einem damaligen Mitstreiter über den Weg. Wolfgang Bortlik, 61, legt eine muntere Räuberpistole vor, in der es  – für den Autor typisch – nicht ohne Fussball abgehen kann. Und bei seinem augenzwinkernden Blick auf alternde Alt-68er fällt ihm der träfe Satz für alle Berufsjugendlichen ein: „Je länger man jung ist, desto plötzlicher wird man alt.“

(Daniel Arnet, Sonntagszeitung, 23. März 2014)

Arme Ritter: 1974 – eine Vierergruppe anarchisch bewegter, im Grunde aber jenseits ihrer Phrasen eher unpolitischer Twens raubt im oberbayrischen Glonn die Sparkasse mit Waffengewalt aus. 38’500 DM sind die Beute. Bevor das Geld aber zum Kampf gegen das „Scheisskapital“ verwendet werden kann, nimmt sich einer der vier – Rademacher – die Tasche mit dem Geld, verschwindet nach Portugal (Nelkenrevolution), dann mischt er in der Anti-AKW-Bewegung (auch in Basel) mit, lebt fünf Jahre in einer aargauischen Landkommune, landet schliesslich im Tessin als Fahrer eines Baugeschäfts und, nachdem er wegen Trunkenheit entlassen worden ist, in der Hinterhofwohnung eines einstigen Genossen in Belleville/Paris. Der zweite im Bunde, der riesige Schott, wird Künstler, schafft gigantische Steinmonumente und wird, als er eben den Durchbruch zu erzielen hofft, 1986 12 Jahre nach dem Überfall) in seinem Atelier von einem umstürzenden Steinbrocken, an dem er gerade arbeitet, erschlagen. Eine gewisse Mitschuld daran trägt Gerda, die Frau im einstigen Räuberquartett. Sie ist die politisch entschlossenste Figur, geht sogar wegen des Verdachts auf Unterstützung einer terroristischen Gruppe ins Gefängnis. Bleibt dann im Tessin hängen, wird Wirtin in einem Grotto und nimmt 1998 (24 Jahre nach dem Überfall) die Identität einer Freundin an, die sich das Leben genommen hat. Sie wird Dolmetscherin für linke Organisationen und heiratet schliesslich den dicken, grünen Europaabgeordneten, in dessen Wohnung Rademacher lebt. Der vierte schliesslich, der Schweizer Michael Ziegler, kehrt in die Heimat zurück, verdient einiges Geld als Musikproduzent, geht dann aber langsam der Pleite entgegen und versucht, sich (2010 – 36 Jahre nach dem Überfall)) eine gut situierte Frau (Eva) zu angeln, reist mit ihr nach Paris – und begegnet dort ausgerechnet Rademacher, den er für den Mörder Schotts und Gerdas hält. Es kommt zu einer grotesken Prügelei im Foyer eines Pariser Spitals und dann zur Versöhnung im Basler Kunstmuseum – und zu einem letzten Coup auf der Uhren- und Schmuckmesse, der den beiden einen geruhsamen Lebensabend eintragen soll, entweder als gut betuchte Privatiers oder in einem schweizerischen Gefängnis.
Wolfgang Bortlik erzählt die Geschichte vom pathetischen Aufbruch der vier Studenten und vom Versickern des revolutionären Elans in mehr oder weniger bürgerliche Lebensformen in rasantem Tempo und mit souveränen Zeit- und Perspektivesprüngen. Auch dank der ironischen Distanz, die der Autor stets zu seinen Figuren, ihrem Politikverständnis und ihrem Selbstmitleid wahrt, ist der Roman ein grosses, originelles Lesevergnügen.

(Valentin Herzog, „Der kluge Panther“ Nr. 067, 23.3.2014)