{"id":134,"date":"2014-07-13T13:34:25","date_gmt":"2014-07-13T13:34:25","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfgangbortlik.ch\/?page_id=134"},"modified":"2014-07-13T13:34:25","modified_gmt":"2014-07-13T13:34:25","slug":"texte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wolfgangbortlik.ch\/?page_id=134","title":{"rendered":"Texte"},"content":{"rendered":"<p><strong>WAHLKRAMPF<\/strong><br \/>\nDer WAHLKAMPF ALS SPASSFAKTOR h\u00e4tte durchaus gewisse M\u00f6glichkeiten. Wenn die Schweizer Comedians nicht solche Hosenscheisser und die politischen Parteien nicht solche Spassbremsen w\u00e4ren, k\u00f6nnte da etwas Sch\u00f6nes entstehen.<\/p>\n<p>Dieses Jahr gab es Spass mit den Gr\u00fcnen, die mit einer Boulevardbekanntheit namens Tamy Glauser punkten wollten. Leider erz\u00e4hlte die etwas unbedarfte Dame dann, dass \u201eBlut von Veganern Krebszellen t\u00f6ten kann.\u201c<\/p>\n<p>Dumm gelaufen, ihr Gr\u00fcnen!<\/p>\n<p>Kreise aus den rechten Parteien, die Angst vor dem Untergang des Abendlandes durch die Islamisierung haben, unterf\u00fcttern ihre Argumentation damit, dass es bald kein Schweinefleisch mehr in den Kindertagesst\u00e4tten geben wird. Man stelle sich vor, die armen Kinder, die nicht mehr an riesigen Schweinskoteletts nagen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die FDP postuliert mit ihrer Wahlwerbung in geradezu euphorischer Zukunftsversessenheit: \u00a0Ich zitiere:\u00a0Die Schweiz will weiter. Machen wir es m\u00f6glich.\u00a0Ja, wo will sie denn hin, die Schweiz? Weiss das vielleicht die FDP? Sagt sie es uns?\u00a0So inhalts- und sinnlos, ja g\u00e4nzlich hirnrissig war Wahlwerbung aber schon immer.<\/p>\n<p>Eine SVP-Nationalratskandidatin aus dem Kanton Baselland hat dementsprechend die griffige Parole ausgegeben: \u201eArbeit muss sich wieder lohnen\u201c. Hat die Dame vielleicht Karl Marx gelesen?<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt die SVP, da k\u00f6nnte man ja stundenlang lachen: Kaum hat sich ihre Taktik mit der Klimal\u00fcge als Rohrkrepierer herausgestellt, werden wieder die alten Werte ausgegraben: Sicher und frei. Oder frei und sicher.\u00a0Das Plakat mit den netten und linken W\u00fcrmern im Apfel ist auch schnell wieder verschwunden.<\/p>\n<p>Und in Riehen, meinem Wohnort, soll gem\u00e4ss einer SVP-B\u00fcrgerwehr die Polizei in den 30 Stundenkilometer-Zonen schneller fahren d\u00fcrfen, um fl\u00fcchtige Verbrecher einholen zu k\u00f6nnen. Die Misset\u00e4ter halten sich sicher an das Geschwindigkeitslimit.<\/p>\n<p>In der Stadt Basel begann die sozialdemokratische Kandidatin zur Nachfolge der Regierungsr\u00e4tin mit einer Panne, indem sie ihre Wahlplakate zu fr\u00fch aufh\u00e4ngen liess und sie wieder entfernen musste. Als notorische Hundeliebhaberin nahm sie auch ihren Fido mit zu einer ersten Pressekonferenz. Vielleicht bringt sowas ja zus\u00e4tzlich Stimmen.<\/p>\n<p>WAHLEN SIND SOWIESO V\u00d6LLIG ABSURD<\/p>\n<p>Vor allem in einem politischen System wie der Schweiz.<\/p>\n<p>Wenn bei einer \u2013 wie immer zweifelhaften &#8211; Umfrage herauskommt, dass die geistigen Randgebiete der SVP 2 % ihrer Stimmen verlieren k\u00f6nnten, genau: 2 kleine Prozent weniger SVP &#8211; dann wird von einem politischen Umsturz geschwafelt.<\/p>\n<p>Bei 1,2% Verlusten wird der FDP der Absturz prophezeit.<\/p>\n<p>Das sind selbstverst\u00e4ndlich rein konstitutive L\u00fcgen. Ein Wichtigmachen. Auch ein Ablenken. Ein Pfeifen im Walde. Schaut her, wie unsere Demokratie super spitzenm\u00e4ssig funktioniert. Zwei kleine Prozent und alles \u00e4ndert sich.\u00a0Nichts \u00e4ndert sich!<\/p>\n<p>Aber um diese paar Prozent oder Promille wird tapfer getrickst und gemauschelt.<\/p>\n<p>Zum Beispiel ganz neu mit der Listenschwemme:<\/p>\n<p>Das ist jetzt erlaubt: Im Kanton Aargau gibt es z.B. neun verschiedene CVP-Listen. Das soll nach eigener Aussage die Breite der Partei abbbilden und punktuell Interessierte \u2013 also solche, die zum Beispiel nur Bauern w\u00e4hlen &#8211; ansprechen.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Jahren wird es also viele Listen geben. Wir tippen mal auf \u201eAnarchisten in der SP\u201c oder \u201ePr\u00e4senile in der EDU\u201c.<\/p>\n<p>Eigentlich ist das aber nur ein Aufbl\u00e4hen eines Prozederes, das instinktiv seine Grenzen und Schranken erkannt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>STIMMEN MACHEN<\/p>\n<p>Stimmen kann man kaufen, immerhin leben wir im Kapitalismus: 300.000 Franken gibt C\u00e9dric Wermuth von der SP daf\u00fcr aus, dass er in den St\u00e4nderat gew\u00e4hlt wird. 200.000 Franken stammen nach seinen Aussagen aus privaten, kleinen Spenden. F\u00fcr so was haben sie Geld, die kleinen Leute&#8230;<\/p>\n<p>Und dann noch:\u00a0Was wird wohl erst auf uns zukommen, wenn alle Parteien gemerkt haben, dass die Digitalisierung mehr ist, als das Notebook auf- und zu zu klappen. Was wird da nicht alles anschwappen in den n\u00e4chsten Wahlen. Der Wahlkampf als Social Media Overkill.\u00a0Vielleicht wird das aber auch ganz lustig, wenn sich Parteipr\u00e4sidentinnen und -pr\u00e4sidenten zum Affen machen.\u00a0Doch, so etwas kann durchaus die politische Witzkultur bereichern, allerdings nicht das Funktionieren der Demokratie.<\/p>\n<p>Ein paar Worte zu den Medien: Neue politische Inhalte werden je l\u00e4nger je mehr \u2013 also gerade im Wahljahr \u2013 nicht mit ihrem gesellschaftlichen, politischen Gehalt, als Idee, als Innovation diskutiert, sondern als reine Wahlkampfmunition, als Anheizen des Wettbewerbs dargestellt. Und eine politische Forderung, ein politisches Argument wird unertr\u00e4glich mit dem Kult oder dem Bashing von Personen verquickt.\u00a0Bestes Beispiel ist die Klimakatastrophe. Die existiert ja nicht erst seit Greta Thunberg.<\/p>\n<p>Wahlkampf. Man m\u00fcsste ihn eigentlich verbieten.\u00a0Vielleicht m\u00fcsste man auch die Wahlen verbieten.\u00a0Das kommt mir immer \u00f6fters in den Sinn.\u00a0Vor allem im Wahlkrampf.<\/p>\n<p>So wie bei der Einf\u00fchrung der repr\u00e4sentativen Demokratie \u00fcber Jahrhunderte, ob jetzt gew\u00e4hlt oder gerlost wurde, die schlechten Steuerzahler, die Frauen und die Sklaven ausgeschlossen blieben, sind es heute hier ans\u00e4ssige Ausl\u00e4nder und Jugendliche.<\/p>\n<p>Erleben wir eine Krise der Demokratie?\u00a0Ja, eigentlich permanent seit gut 250 Jahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kopulierende Kulturkaninchen<\/strong><\/p>\n<p>Kunst und Kultur sind ein integraler und lebendiger Teil unserer Gesellschaft, und so wie sich die Gesellschaft wandelt, ver\u00e4ndern sich auch Kunst und Kultur. Das ist eine Binsenweisheit. Im Neoliberalismus ist fertig lustig f\u00fcr Kunst und Kultur. Da gibt es Druck von der Politik. Da werden Konzepte und Eigenfinanzierung gefordert, Kuratierung und B\u00fcrokratisierung, Controlling und Effizienz, F\u00fchrungskompetenz und internationale Standards. Es kann einem angst und bange dabei werden.<\/p>\n<p>Dabei sind Kunst und Kultur doch eigentlich verpflichtet, der Einf\u00f6rmigkeit und der Langeweile des globalen Spektakels so etwas wie Leidenschaft und Phantasie entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Liest man aber die verschiedensten Kulturkonzepte der Schweizer Kantone und Gemeinden, dann wird einem leicht schwindlig. Nicht, weil es ph\u00e4nomenale, k\u00fchne Entw\u00fcrfe w\u00e4ren, sie sind eher das Gegenteil. \u00dcberall klingt es gleich, von der gesellschaftlichen Identit\u00e4tsstiftung durch Kultur hin zu Leuchtt\u00fcrmen und Flaggschiffen bis zur Vermeidung des sogenannten Giesskannenprinzips.<\/p>\n<p>Das ist mit Verlaub v\u00f6lliger Quatsch! Es lebe das Giesskannenprinzip! Es ist gen\u00fcgend Geld da. Es geht nicht an dar\u00fcber zu richten, was Kunst und Kultur sind. Es geht darum, sie zu erm\u00f6glichen. Wo auch immer. Wer auch immer sie macht. Es braucht einen brodelnden Untergrund, der sich nicht klassifizieren, auswerten und verwerten l\u00e4sst. Nur mit dem Chaos kann die neoliberale Sucht nach Sauberkeit und Sicherheit bek\u00e4mpft werden. Kunst ist unordentlich, schmutzig, rau und widerspenstig. Kunst ist sch\u00f6n in ihrer Unberechenbarkeit.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6ssten Kunstverhinderer sind selbstverst\u00e4ndlich all diese Jurys in den St\u00e4dten und Kantonen. Auch so ein kulturpolitischer Wasserkopf wie die Pro Helvetia scheint nichts anderes zu tun zu haben, als in ihren sterilen B\u00fcros die Kunst zu definieren. Geht nicht. Kunst definiert sich selbst.<\/p>\n<p>Kunst und Kultur stecken also momentan hoffnungslos in der Klemme. Sie sind ein etwas gr\u00fcnlich schimmerndes St\u00fcck Schinken zwischen zwei staubtrockenen Toastscheiben. Die eine Scheibe ist der Druck der Populisten und wildgewordenen Spiessb\u00fcrger, die sich f\u00fcr jede Rebellion und Aufm\u00fcpfigkeit mit einem Sparprogramm an der Kultur r\u00e4chen wollen. Die andere Scheibe ist die Kulturb\u00fcrokratie, in der Manager und Kuratoren, Gutmeinende und Absahner sich vermehren wie kopulierende Kaninchen.<\/p>\n<p>Die Kunst muss anarchistisch sein, sich der Kontrolle und der Kuratierung entziehen. Wenn die Kunst nicht f\u00fcr sich selbst spricht, dann kann das auch der Vermittler oder der Verwalter nicht. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es schlechte Kunst. Na und? Es gibt auch grauenhaft schlechte Bankmanager, die trotzdem ihren Bonus abzwacken. Schlechte Politiker. Schlechte \u00c4rzte.<\/p>\n<p>Doch bedenket: \u201eDer K\u00fcnstler hat kein Recht, die Zeit seines H\u00f6rers unn\u00f6tig in Anspruch zu nehmen.\u201c Was Eric Satie sagt, gilt f\u00fcr alle, nicht nur f\u00fcr die Musiker. (Erschienen in &#171;Juli&#187;, Aargauer Kulturzeitschrift, Januar 2015).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>GESANG EINES LEBENSM\u00dcDEN<\/strong><\/p>\n<p>Ich schneid mir einen Finger ab<\/p>\n<p>Ich grabe mir ein fr\u00fches Grab<\/p>\n<p>Ich mag nicht mehr<\/p>\n<p>Und das schon sehr<\/p>\n<p>Ich springe in den kalten Rhein<\/p>\n<p>Und lass das Leben einfach sein<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein K\u00f6rper streikt und spuckt und speit<\/p>\n<p>Ich leide viel an meinem Leid<\/p>\n<p>Ich kann nicht mehr<\/p>\n<p>Die Last zu schwer<\/p>\n<p>Ich springe in den tiefen Rhein<\/p>\n<p>Will eine Wasserleiche sein<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach Kembs hin tr\u00e4gt mich dann die Flut<\/p>\n<p>Ich schmeck den Fischen wirklich gut<\/p>\n<p>Ich werd so leicht<\/p>\n<p>Und ausgebleicht<\/p>\n<p>Der letzte Schwumm im sch\u00f6nen Rhein<\/p>\n<p>So soll es sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WAHLKRAMPF Der WAHLKAMPF ALS SPASSFAKTOR h\u00e4tte durchaus gewisse M\u00f6glichkeiten. 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